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Und jährlich grüßt…

Ein Novembermorgen, viel zu kalt zum Aufstehen. Mein Smartphone zeigt mir fünf verpasste Anrufe von „Ärger“ an. Wieder einer der Momente in denen ich mich frage, wieso diese Dinger eigentlich „smart“ im Namen stehen haben. Mein Nokia 3310 konnte zwar keine Videos abspielen oder Fotos machen, aber zumindest meine Kontakte hat es korrekt abgespeichert. Inzwischen ist meine Kontaktliste zu einem Sammelsurium von Fantasienamen geworden. Aus dem schnellen SMS-Tippen, das ich früher wohlgemerkt blind mit einer Hand gemacht habe, ist eine herausfordernde Aufgabe geworden die meine ganze Aufmerksamkeit, zwei Hände und gefühlt das dreifache an Zeit erfordert. Zumindest kann ich nun meine Emotionen nicht nur verbal mit *lach*, *grins*, *freu* und *wink* ausdrücken sondern visuell mit Emoticons hervorheben. Ok, in der Theorie könnte ich das, in der Praxis überfordert mich die Anzahl der mir zur Verfügung gestellten Smileys, Badleys, Angrys etc. Von den ca. 60 Stück die mir angezeigt werden, kann ich exakt fünf richtig zuordnen. Dazu kommen dann noch Emoticons für Wasser, Haus, Auto und jedes andere Wort dass mir die Autokorrektur als Grafik vorschlägt. Ein Kurs diesbezüglich wird mir in der Uni leider nicht angeboten, vielleicht sollte ich von wirtschaftswissenschaftlichen Zweig in die Linguistik wechseln. Bringt aber nix habe ich festgestellt, dort sieht das Kursangebot bezüglich Smileys auch eher mau aus. Ich werde jetzt einfach noch ein paar Jahre warten und wenn wir es geschafft haben, die verbale Vielfalt unserer Schrift durch kleine Icons zu degenerieren wird auch hier ein Kurs angeboten – dann fange ich halt einfach noch mal ein neues Studium an, hilft ja nicht.
Ich könnte zwar meine Autokorrektur auch deaktivieren, aber da bin ich dann zu stur, wenn mir dieses Ding helfen soll alles smarter zu gestalten werde ich es auch nutzen – nur unter Protest, aber ich nutze es.
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Alles wird schwerer

Die zwei Tage bis zu unserem Gespräch kamen mir ewig vor. Mir war bewusst, dass es kein schönes Gespräch wird, aber insgeheim hegte ich die Hoffnung, dass alles von einem Moment zum Anderen wieder wie früher wird. Ein irrationaler Gedanke, den ich versucht habe zu unterdrücken, zu verdrängen. Sonntag war es dann soweit, wir haben geredet.

Sie ist unglücklich, verzweifelt, ihre Gedanken überschlagen sich und sie weiß nicht warum. Sie kann mir nicht sagen, ob es an mir oder etwas anderem liegt, sie weiß nur, dass sie nicht mehr kann, dass ihr alles zu viel wird. Sie sagt, es ist nicht meine Schuld, sie weiß, dass ich alles für sie getan habe und tun werde, aber das macht die Sache nur schwerer für sie. Sie gibt sich für fast alles die Schuld und macht sich Vorwürfe. Was mit unserer Immobilie, den Krediten und meinem Eigenkapital passiert – sie will nicht, dass ich wegen ihr viel Geld verliere.

Auf so ein Gespräch ich nicht vorbereitet. So emotional und doch so rational, dass sie trotz der ihrer vielen Probleme, noch so viel Rücksicht auf mich nimmt – ich finde das bewundernswert. Ja, wenn wir alles überstürzen, dann enden wir nicht nur emotional, sondern auch finanziell in einem ziemlichen Chaos. Wir haben uns also emotional, aber sachlich, unterhalten, wie es weitergehen kann. Vorläufig wohnt sie weiter hier, eine zusätzliche Wohnung können wir uns nicht leisten. Sie wird viel auswärts bei Freundinnen schlafen, ich beziehe Quartier im Arbeitszimmer und nutze das Gästebad. In ein paar Monaten sollte sich unser Nettoeinkommen erhöhen, dann wird sie sich eine Wohnung suchen und ausziehen. Erst einmal für ein oder zwei Monate. In der Zeit wird es keinen Kontakt zwischen uns geben, damit sie herausfinden kann, ob sie überhaupt noch mit mir zusammen sein will. Und wenn dem so ist, nähern wir uns wieder, ganz langsam, in kleinen Schritten.

Ich fühlte mich elend, versuchte stark zu sein, ihr Mut zu machen. Habe ihr gesagt, dass wir das alles gemeinsam durchstehen, unabhängig davon wie es endet. Auch habe ich ihr gesagt, dass sie keine Schuldgefühle haben muss oder sich für irgendwas die Schuld geben muss. Ich will nicht dass sie so leidet, denn egal ob es auf das Ende unserer Beziehung zugeht, sie ist immer noch ein Teil von meinem Leben und wird auch hoffentlich immer einer bleiben – wenn vielleicht auch nicht der Wichtigste.

Im Moment versuche ich alles auszublenden, beziehungsweise, nicht ständig darüber nachzudenken. Besonders schlimm ist es abends, wenn ich ins Bett gehe, ein leeres Bett. Da überschwemmen mich die Gedanken. Und wenn ich morgens aufwache, im leeren Bett, folgt kurze Phase der Realisierung und Besinnung. Ich denke ich habe schlecht geträumt, bis mir dann bewusst wird, dass sich alles ändern wird. Das ist so schwer, ich frage mich wie lange es dauern wird, bis ich mich an diese neue Situation „gewöhne“. Gestern war sie zuhause, ich gehe am Wohnzimmer vorbei und ertappe mich für kurzen Moment dabei, wie ich abbiegen, sie kurz umarmen und küssen möchte – was ich normal getan hätte. Unerträglich dieses Gefühl.

Und dann endet ein Kapitel

Ich habe viel Vertrauen, vielleicht zu viel. Doch die vielen Andeutungen und Verhaltensänderungen haben mich argwöhnisch gemacht. Heute habe ich meinen Mut zusammengefasst und an ihrem Computer Facebook geöffnet. Sie ist auf Wohnungssuche und spricht über Scheidung. Und von einem Moment auf dem nächsten bricht die Welt in sich zusammen und ein abgrundtiefes Loch tut sich auf. In ein paar Tagen werden wir reden, momentan ist sie noch bei einer Freundin, wieder. Nun habe ich zwar Gewissheit, bin aber noch unglücklicher als vorher. In Kürze wird meine ganzes Leben auf den Kopf gestellt, denn der wichtigste Pfeiler, der alles stützt, bricht weg. Ich fürchte mich vor dem Chaos, vor dem Alleinsein. Es wird sich alles ändern und das zu akzeptieren fällt schwer. Die täglichen Abläufe werden über den Haufen geworfen. Das bestärkende Gefühl geliebt zu werden und dass dieser Mensch abends, wenn man nach hause kommt, auf einen wartet. Die Ecken und Kanten, die einen Menschen einzigartig machen, die Macken, die einen anfangs wahnsinnig machen, man aber dann doch zu schätzen und lieben lernt. Von einem Moment auf den anderen ist alles, was das Leben bereichert und lebenswert macht, weg. Es ist ein schmerzvoller Sturz, von ganz oben, nach ganz unten. Und erst, wenn man ganz unten angekommen ist, und bereit ist, diese Tatsache hinzunehmen, erst dann lässt der Schmerz nach und man fängt von vorne an.

Sicher wäre ich glücklicher, wenn alles so bleibt wie es ist. Aber ich würde jeden Tag sehen wie unglücklich sie ist, und müsste darüber hinwegsehen, es ignorieren. Es wäre eine Lüge in der ich lebe und lieber lebe ich eine Fantasie, als in einer Lüge. Ich liebe sie und lasse sie ziehen, auch wenn ich nicht weiß, wie ich diese Schmerzen ertragen soll.

Ich weiß, dass ihr das alles schwer fällt. Ich weiß, dass auch sie Angst vor dem Scherbenhaufen hat. Für uns beide wird sich ein wichtiges Kapitel in unserem Leben schließen, ein Kapitel das uns verbunden und uns geprägt. Als ich sie kennenlernte war sie knapp 20, wunderschön, energisch, temperamentvoll und anders als jede Frau die bisher kannte. Ich, junger Student, und das komplette Gegenteil von ihr. Wir waren uns von Anfang an sympathisch, fanden uns interessant, aufregend und spannend. Das erste halbe Jahr unserer Beziehung war die schönste Zeit in meinem Leben. Heute sehne ich mich an diese Zeit zurück und möchte alles noch einmal erleben und noch einmal und noch einmal, diese Zeit hätte nie enden sollen. Doch es ging weiter, es folgte die erste gemeinsame Wohnung und mit der Zeit wurde alles komplizierter. Heute ist sie Mitte 20 und für ich mich immer noch der gleiche Mensch, den ich vor sechs Jahren kennengelernt habe. Aber wir haben uns beide verändert und das Interessante, Aufregende und Spannende, dass uns gegenseitig unwiderstehlich gemacht hat, ist dabei verloren gegangen.