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Duftbaum

22:20 Uhr, verlasse flotten Schrittes das Fitnessstudio. Wobei flott für schleppend und Schritt für Humpeln steht. Somit schleppte ich mit humpelnd leise stöhnend zur Tram. Hatte ursprünglich vor einen abendlichen Spaziergang nach Hause zu machen, aber dieser Kiez außerhalb des Prenzlauer Bergs ist mir suspekt. Genau genommen ist mir ganz Berlin noch etwas suspekt, aber alles was entgegengesetzt der Mitte ist, ist mir noch um ein vielfaches suspekter. Außerdem war Beintraining angesagt, danach will ich mich eigentlich nur noch sofort und auf der Stelle hinlegen. Aber da alle Hantelbänke im Studio besetzt waren ging das halt nicht. Musste also leicht verschwitzt mit der Tram fahren – aber immerhin hatte ich ein frisches T-Shirt dabei. Sah in Gedanken schon, wie ich isoliert in der Mitte der Tram stehe und sich trotz völliger Überfüllung ein Sicherheitsabstand von mehreren Metern um mich herum bildet. Keiner sagt was, aber alle verziehen das Gesicht, drehen sich weg und versuchen nicht zu atmen. Kam dann nur zum Teil so. Die Tram war fast leer, aber es bildete sich in der Tat ein Sicherheitsabstand und die Leute versuchten nicht durch die Nase zu atmen. War aber nicht ich der da so vor sich hin müffelte. Im Gegenteil, ich wirkte wie eine frische Frühlingsbrise und die Leute schmiegten sich an mich um kurz aufatmen zu können. Ja, das bin ich, ein wandelnder, gut aussehender, athletischer, attraktiver Wunder-BaumMann, erhältich in der Duftrichtung „Jean Paul Gaultier“ und „Paco Rabanne“. Aus biologischen Anbau und zu 100% ökologisch wiederverwertbar – mehrfach ausgezeichneter Testsieger, Prädikat „sehr gut“ und „unglaublich“. Sicher wird sich bald ein Link viral in den sozialen Medien verbreiten „Ihr werdet es nicht glauben welchen Wunder-Mann ihr hier seht“. Wer dem Link folgt sieht ein verwackeltes Smartphone-Video  und ein unscharfes Foto, welches mich zeigt wie ich versuche mich aus einer Menschentraube zu lösen, es mir aber nicht gelingt, da sich die Hände unzähliger, mir völlig fremder, Menschen in mein Shirt einklammern und mich zurück in ihre Mitte holen. Dann folgen Beiträge mit minutenlangen Videos in denen im Hintergrund ein Bild von mir mit Sonnenaufgang zu sehen ist, mit tiefgründigen und inspirierenden Texten, die eine Aneinanderreihung meiner Zitate und Weisheiten sind.
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Der frühe Vogel spaziert ins Fitnessstudio

Bin schon wieder so müde. Dieser neue Alltag ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Mein Wecker klingelt um 5:00 Uhr in der Früh, nicht weil er kaputt ist oder ich zu doof bin um ihn zu stellen, sondern damit ich spätestens um 6 Uhr im Fitnessstudio bin. Ohne abendliche Vorbereitung wäre ich aber aufgeschmissen und morgens total überfordert. Vermutlich würde ich den Espressokocher mit Eiweißpulver befüllen und meinen Proteinshake mit Kaffeepulver mixen. Schmeckt bestimmt interessant und trinken könnte man beides, aber ich bin da eher konservativ veranlagt und mag meinen Espresso gekocht und nicht unaufgelöst mit Maltodextrin durchgeschüttelt. Trotz sorgfältiger Vorbereitung kommt es immer wieder zu kleineren Pannen. Besonders meine Eiweißshaker machen mir zu schaffen. Pulver rein, Wasser darauf, zuschrauben, prüfen ob alles dicht ist … und sobald ich zum Schütteln anfange sind die überhaupt nicht mehr dicht. Aber morgendliche Rituale sind was schönes, der Mensch braucht schließlich Struktur, es würde mich also total durcheinanderbringen wenn diese Shaker bereits beim ersten Anlauf unauslaufbar verschlossen wären.

Diese Uhrzeit ist einfach optimal. Wenig los und keine Wartezeiten an den Geräten, es lässt sich also entspannt trainieren. Bei uns im Dorf konnte man, abgesehen zwischen 16 und 18 Uhr, immer entspannt trainieren, hier ist das nicht ganz so leicht, obwohl alle Geräte fünffach oder häufiger vorhanden sind. Ok, ich sag mal fast alle. Alles was man fürs Beintraining braucht gibt es nur zweimal, manchmal sogar nur einmal. Dachte erst es gibt hier sicherlich einen eigenen Raum fürs Beintraining, denn obwohl das Studio rappelvoll war habe ich niemanden auch nur eine einzige Kniebeuge machen sehen. Das kann bei einem Splittraining schon mal passieren, denn wenn Männer häufig miteinander trainieren, dann passt sich irgendwann deren Trainingszyklus aneinander an und der Leg-Day ist dann halt am Dienstag und nicht mehr am Montag. Glaube aber hier wird wie bei uns trainiert, also Bizeps, Brust und Bauch. Das bringt mich auf eine Idee, ich könnte so ein Triple-B Programm erfinden. Das Geheimnis der Schönen und Reichen: „In 5 1/2 Wochen zur Traumfigur“ – schlank und fit mit der „Deep-Focus“-Methode von MrUnbekannt.

 

Feiertagsstau: Training für das Osterei

Meine Güte, heute war die Bude wieder voll. Augenscheinlich Alibitraining, quasi Fastenzeit vergeigt und jetzt noch schnell die letzten 40 Tage des Fastens und Betens mit dem heutigen Training wieder reinholen. Anders kann ich mir das jedenfalls nicht erklären, denn die meisten der Gesichter habe ich entweder noch nie oder schon länger nicht mehr gesehen – und unser Studio ist wohlgemerkt ziemlich klein, also einfach übersehen ist sozusagen unmöglich.

Erwähnte ich bereits dass wir jedes Gerät nur einmal haben? Mensch das nervt vielleicht, zumindest an Tagen wie diesen. Ich sage nur Supersatz. Da verteile ich extra meine ganzen Klamotten die ich am Leib trage – und zusätzlich mein Handtuch – auf exakt diese zwei Geräte, damit auch ja jeder mitbekommt dass ich in den nächsten 5 bis 6 Minuten hier am Trainieren bin, dann komme ich vom ersten Supersatz zurück zu Gerät Nummer 1 und höre „dein Handtuch habe ich dir dort drüben hingelegt“. Ach Menno, und antworte „Oh danke, das ist aber nett“. Ich kann der älteren Dame einfach nicht böse sein, die macht immer so ein freundliches „Huhu“-Winken wenn ich ins Studio komme und mein „Servus“ in die Runde werfe. Vielleicht ruft sie auch laut „Huhu“, aber da ich bereits meine Beschallung im Ohr habe kriege ich so etwas natürlich nicht mit – registriere aber trotzdem wer nickt, winkt, die Lippen bewegt oder auf andere Weise in Ekstase verfällt.

Jedenfalls war heute nicht nur Würstchenparade – hätte echt gerne mal eine eigene Umkleide, das sind mir einfach zu viele Schniedel auf zu engem Raum; kleines Studio, noch kleinere Umkleide und noch klein… ach ne, das lass ich jetzt mal lieber; aber ist schon unangenehm wenn ich auf dem Weg zu meinem Spind erst mal diverse nackte Körperteile verschwitzter – äußerst behaarter – älterer Männer streifen muss; ja mal ganz ehrlich, müssen die wirklich jedes Mal in die Sauna gehen; glaube ja die kommen nur wegen der Sauna ins Fitnessstudio; für so viel verschwitze nackte Männerhaut bin ich definitiv zu prüde oder zu jung oder sexuell zu unflexibel – jedenfalls war heute auch Nippelschau. Ja, da spitzen die Männer normalerweise ihre Lauscherchen wenn sie so etwas hören. Aber ich sag mal – mööööööp. Es waren natürlich Männertitties und Männernippel. Also erzählen sollte ich das ja niemanden, erst diese neuen anstößigen Sex-Schaukel-Fitness-Ja-Was-Weiß-Ich-Was-Das-Für-Perverse-Geräte-Sind, schwitzige nackte Männerhaut, jetzt Männerbrüste. Ich trau mich da abends bald nicht mehr rein wenn das so weitergeht. Vermutlich bin ich gar kein Mitglied im Fitnessstudio, sondern im örtlichen Swingerclub und das ganze dient nur zur Tarnung. Naja, jedenfalls wanderten die Tank-Tops – da muss ich immer lachen, warum weiß ich leider nicht, aber Tank-Tops, ach du liebes Lieschen – heute immer weiter nach unten, was dann die kleinen Braunen-Dinger zum Vorschein brachte. Wieso man bereitwillig für so einen Stofffetzen 40 Euro bezahlt ist mir nicht ganz klar, bei KiK oder Takko bekomme ich für das gleiche Geld ungefähr 100 T-Shirts oder so.

Auf die „Oh ist das schwer“-Dame, laut Autokennzeichen ist sie Ende 20 – habe ich erwähnt wie klein unser Studio ist? Der Parkplatz ist auch nicht viel größer – habe ich vor ein paar Tagen auch reagiert. Wieder kam ein „oh ist das schwer“ und noch irgendwas, aber ich habe ehrlich gesagt nicht richtig aufgepasst. Wollte nicht wieder unhöflich sein, habe deshalb etwas ausführlicher geantwortet „mhm, ja, hmm, kommt mit der Zeit“. Hatte Angst dass das kein Ende nimmt und ich mich irgendwann in der Fortsetzung von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ wiederfinde. Gut, um ehrlich zu sein bin ich für den Bruchteil einer Sekunde – vielleicht auch etwas länger als einen Bruchteil – in einem Tagtraum versunken und habe mich gefragt, ob ich dieser Unterhaltung etwas aufgeschlossener gegenüber stünde, wenn sie ihre Freundin – die trainierte direkt hinter ihr; hab ich erwähnt wie klein unser Studio ist? – mit ins Boot holen würde….. Wo war ich stehen geblieben, bin kurz in Gedanken abgedriftet. Ach ja, nein, änderte nichts daran. Warum eigentlich nicht. Ach ja, beide nicht mein Typ. Wobei Minus Mal Minus zu Plus wird, vielleicht wäre also nicht mein Typ und nicht mein Typ zu voll mein Typ geworden? Aber erst mal so weit kommen und dann wäre nicht mein Typ und nicht mein Typ am Ende zweimal nicht mein Typ geworden, ja da hätte ich mir dann aber ganz schön was eingebrockt, aus so einer Nummer muss man dann auch erst mal wieder rauskommen, deshalb will ich da gar nicht erst reinkommen.